22 août 2012
Die Bologna-Reform kann nichts dafür!
Überfüllte Hörsäle, Betreuungsnotstand, mangelnde Reflexionskultur: Bologna hat keine Probleme geschaffen, sondern lediglich alte sichtbar gemacht, kommentiert A. Frank.Vor wenigen Tagen feierte die Bologna-Reform ihr zehnjähriges Jubiläum. Bildungsministerin Annette Schavan zog in einem Interview Bilanz und nannte den Bologna-Prozess "eine europäische Erfolgsgeschichte". Medien, Hochschulverbände und Politiker diskutieren seitdem erneut das Für und Wider der Studienreform.
Die Diskussion wird allerdings von einem Missverständnis überschattet. Besonders Lehrende reproduzieren gerne, dass schlechte Studienarbeiten sowie oberflächliches Studierverhalten Effekte des Bachelor und typisch für den Bachelorstudierenden seien. Früher, in Zeiten von Magister und Diplom, seien die Studierenden doch besser gewesen, klagen sie.
Dabei haben sich die Studierenden gar nicht so sehr verändert, wie viele meinen. Im Gegenteil: Die Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge hat in erster Linie alte Probleme sichtbar gemacht, als dass sie neue geschaffen hätte. Dies gilt vor allem, aber nicht nur, für die bis dahin wenig strukturierten Studiengänge der Geistes- und Sozialwissenschaften.
Durch die Bologna-Reform ist die Qualität von Studienstruktur, Studienorganisation und Studien- und Lehrkultur mehr denn je in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten. Dadurch kommen nun Probleme ans Tageslicht, die seit Jahrzehnten existieren, von der Öffentlichkeit aber bislang nicht wahrgenommen wurden.
Überfüllte Hörsäle, schlechte Betreuung
Als erstes wurde die schlechte Betreuungsrelation sichtbar. Die Zahl der Studienanfänger hatte sich mit der Einführung der neuen Studiengänge nicht erhöht, aber plötzlich kamen alle in die Einführungsveranstaltungen. In vielen Studiengängen hatten sich Studierende und Lehrende so sehr daran gewöhnt, dass allenfalls die Hälfte der eingeschriebenen Studierenden auch tatsächlich erschien, dass die andere Hälfte nicht einmal als fehlend wahrgenommen wurde. Überfüllte Lehrveranstaltungen zeigten, dass die personelle und räumliche Ausstattung der Hochschulen nicht ausreicht.
Weil nun plötzlich ein größerer Teil der Studierenden anwesend war, wurde auch sichtbar, wie unterschiedlich sie sind. Die Heterogenität der Studierenden wäre vielleicht nicht weiter thematisiert worden, wären mit der neuen Abschlussstruktur nicht zugleich studienbegleitende Prüfungen eingeführt worden, die vom ersten Semester an Leistungsunterschiede im Studienverlauf sichtbar machen. Ein Professor der Geschichtswissenschaft bemerkte in einer Gesprächsrunde an der Uni Bielefeld zu ersten Erfahrungen mit Bachelorarbeiten: "Früher haben nur diejenigen eine Arbeit abgegeben, die der Aufgabe einigermaßen gewachsen waren. Von den anderen haben wir gar nichts gesehen und lesen müssen."
Sichtbar wurde außerdem, dass es in vielen Fächern keine Erfahrung mit der gemeinsamen Verständigung über Ziele (seien es Ausbildungs- oder Bildungsziele) gibt. Das führte dazu, dass viele Studiengänge vollgestopft wurden, alle wollten ihre Bereiche vertreten wissen, möglichst verpflichtend für alle. Und wenn es zu viel wurde, wurden einfach neue Studiengänge erfunden.
Zu guter Letzt ist sichtbar geworden, dass es an einer Reflexionskultur mangelt. Die Frage, wie Wissenschaftler ihre Fähigkeiten so weitergeben können, dass die Studierenden eine Chance haben, das Gelernte für ihr berufliches und gesellschaftliches Tun zu nutzen, war überdeckt von der Abbildung von Wissensgebieten, und von der Annahme, Vermittlung erfolge vor allem durch Vortragen. Auch dieses Problem konnte so lange nicht in den Blick geraten, wie Hochschullehre nicht gefordert war, sich auf die Studierenden und deren heterogene Ziele und Voraussetzungen einzustellen.
Kein Zurück zur Beliebigkeit
Die studienbegleitenden Prüfungen bringen es an den Tag. Während viele Studierende früher nach einem mehr oder weniger kurzen, unauffälligen Aufenthalt an der Universität still verschwunden sind, werden nun auch diejenigen sichtbar, die stärker auf Einführung und Erklärung angewiesen sind.
Defizite von Studierenden sollten deshalb als Orientierungs- und Anleitungsbedürfnisse wahrgenommen werden. Damit wird deutlich, dass es Aufgabe der Universität ist, Studiengänge so zu gestalten, dass Studierende – Motivation vorausgesetzt – erfolgreich studieren können.
Glorifizierende Erinnerungen an Freiheit und Muße früherer Generationen helfen den heutigen Studierenden dagegen nicht weiter. Und auch ein Zurück in die Zeiten der Beliebigkeit würde die aktuell debattierten Probleme nicht lösen, bloß verschleiern.
Die Autorin wird sich Dienstag zwischen 11 und 12 Uhr an der Diskussion im Kommentarthread beteiligen.
Dr. Andrea Frank, 53, leitet den Bereich Beratung für Studium, Lehre und Karriere an der Universität Bielefeld.
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